Filmmuseum Lausitz dreht Dokumentarfilm über NS-Opfer Otto Wallburg
Das Filmmuseum Lausitz e.V. im südbrandenburgischen Klein Loitz arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilm über den jüdischen Schauspieler Otto Wallburg, der 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Das Projekt, das von der Plattform Kulturelle Bildung gefördert wird, ist Teil der Ausstellung „Unsichtbare Spuren“, die sich mit der deutschen Filmindustrie zwischen 1933 und 1945 auseinandersetzt. Erstmals konnte das Museum einen Enkel Wallburgs für ein Interview gewinnen, was als Glücksfall und große Verantwortung zugleich bezeichnet wird. Der Film soll im November veröffentlicht werden und ist eingebettet in ein umfassendes Bildungsangebot, das sich an Schulen in Brandenburg und Sachsen richtet. Die Initiative versteht sich als Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und zur Stärkung demokratischer Werte in einer Region, die vom Strukturwandel geprägt ist.
Otto Wallburg: Ein vergessener Star der Weimarer Republik
Otto Wallburg war in den 1920er und frühen 1930er Jahren einer der bekanntesten Komiker und Charakterdarsteller des deutschen Films und Theaters. Geboren 1889 in Berlin, feierte er Erfolge auf den Bühnen der Hauptstadt und wirkte in zahlreichen Produktionen mit, darunter auch in dem Sportfilm „Strich durch die Rechnung“ (1932), der teilweise in Forst (Lausitz) gedreht wurde. An seiner Seite spielte Heinz Rühmann, der später zu einem der populärsten Schauspieler der NS-Zeit avancierte. Wallburg, der jüdischer Herkunft war, wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zunehmend ausgegrenzt und verlor seine Engagements. Er emigrierte zunächst in die Niederlande, wurde aber nach der deutschen Besetzung 1940 verhaftet und über verschiedene Lager schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Seine Geschichte steht exemplarisch für das Schicksal vieler Künstler, die Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurden.
Das Projekt „Unsichtbare Spuren“: NS-Propaganda im Kino
Der Dokumentarfilm ist Teil des größeren Projekts „Unsichtbare Spuren“, das die Rolle des Films als Propagandainstrument im Nationalsozialismus untersucht. Die begleitende Ausstellung, die über den Projektfonds Kulturplan Lausitz der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert wird, beleuchtet, wie die Filmindustrie zwischen 1933 und 1945 gleichgeschaltet wurde und wie Filme zur Verbreitung von Ideologien und zur Stigmatisierung von Minderheiten beitrugen. Das Projekt zielt darauf ab, Mechanismen der Ausgrenzung sichtbar zu machen und für die Gegenwart zu sensibilisieren. Ariane Rykov, Leiterin des Filmmuseums, betont: „Gerade jetzt müssen wir zeigen, wie Ausgrenzung anfängt – und wie sie enden kann, wenn niemand widerspricht.“ Die Ausstellung und der Film sollen Besucherinnen und Besucher dazu anregen, Parallelen zu heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu ziehen und Zivilcourage zu fördern.
Die Lausitz als Ort der Erinnerung und Demokratiebildung
Die Wahl des Standorts ist bewusst erfolgt: Das Filmmuseum Lausitz befindet sich in einer Region, die durch den Kohleausstieg und den damit verbundenen Strukturwandel vor großen Herausforderungen steht. Uwe Marcus Rykov, der das Museum mit leitet, erklärt: „Wir möchten nicht nur den wirtschaftlichen, sondern vor allem den gesellschaftlichen und demokratischen Zusammenhalt stärken. Gerade hier brauchen wir Orte, an denen Geschichte kritisch hinterfragt wird, um Ausgrenzung in der Gegenwart zu verhindern.“ Das Museum, das aus dem früheren Romy-Schneider-Museum hervorgegangen ist, versteht sich heute als Filmarchiv mit eigener Dokumentarfilmproduktion. Es bietet Führungen und Vermittlungsprojekte für Schulklassen aus Brandenburg und Sachsen an, die Propagandamechanismen im NS-Film thematisieren. Ein weiterer Teil des Projekts widmet sich Romy Schneiders letztem Film „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, in dem sich die Schauspielerin mit den NS-Verbrechen auseinandersetzte. So wird eine Brücke zwischen der Geschichte des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit geschlagen.
Bildungsarbeit und Vermittlung: Ein Lernort für Schulen
Ein zentrales Anliegen des Filmmuseums ist die historisch-politische Bildung. Die Angebote richten sich vor allem an junge Menschen, die lernen sollen, Propaganda zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. In Workshops und Führungen werden Filmausschnitte analysiert, Quellen ausgewertet und Diskussionen angeregt. Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal Otto Wallburgs dient dabei als konkretes Beispiel für die Folgen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Das Museum kooperiert mit Schulen in der Region und bietet Materialien für den Unterricht an. Die Dokumentarfilmproduktion ist ein weiterer Baustein, um Geschichte lebendig zu vermitteln und emotionale Zugänge zu schaffen. Das junge Team des Museums engagiert sich für Diversität und gegen Geschichtsrevisionismus, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Die Arbeit wird durch Fördermittel von Bund und Ländern unterstützt, darunter die Plattform Kulturelle Bildung und der Projektfonds Kulturplan Lausitz.
Ausblick: Filmpremiere im November
Die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm über Otto Wallburg laufen noch bis Ende August. Das Team hat dafür Interviews mit Zeitzeugen und Experten geführt, darunter erstmals ein Enkel Wallburgs, der aus dem Ausland angereist ist. Der Film wird voraussichtlich im November der Öffentlichkeit präsentiert, begleitend zur Ausstellung „Unsichtbare Spuren“. Geplant sind Vorführungen in der Region sowie Online-Angebote, um ein breites Publikum zu erreichen. Das Filmmuseum Lausitz hofft, mit diesem Projekt nicht nur an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, sondern auch einen Beitrag zur aktuellen Debatte über Demokratie und Menschenwürde zu leisten. Die Geschichte Wallburgs, der einst in der Lausitz vor der Kamera stand, wird so zu einem Symbol für die Verantwortung, die aus der Vergangenheit erwächst.
Bildquellen im Artikel
- Filmmuseum Lausitz dreht Dokumentarfilm über NS-Opfer Otto Wallburg: Bildquelle: Filmmuseum Lausitz e.V/Fotograf: Uwe Marcus Rykov