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KI im Unternehmen: Wo Maschinen entscheiden dürfen und wo der Mensch das Sagen

Die Debatte um Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag dreht sich längst nicht mehr nur um die Frage, ob Unternehmen die Technologie einsetzen sollten. Vielmehr rückt zunehmend in den Fokus, welche Aufgaben sie eigenständig übernehmen darf – und wo menschliche Kontrolle unverzichtbar bleibt. Eine aktuelle Erhebung des Beratungsunternehmens Expleo zeigt nun ein bemerkenswert klares Muster: Deutsche Führungskräfte vertrauen KI vor allem bei organisatorischen und administrativen Tätigkeiten, während sie bei Entscheidungen mit großer Tragweite auf menschliches Urteilsvermögen setzen. Die Studie „Expleo AI Pulse“, die monatlich die Stimmung zum KI-Einsatz in Unternehmen misst, offenbart dabei eine Differenzierung, die für die weitere Entwicklung der Arbeitswelt richtungsweisend sein könnte.

Die Ergebnisse der zwölften Erhebungswelle, die im Juli 2026 stattfand, zeichnen ein ambivalentes Bild: Einerseits ist die grundsätzliche Begeisterung für KI ungebrochen, andererseits zeigt sich eine bemerkenswerte Nüchternheit, wenn es um konkrete Verantwortungsübertragung geht. So geben 71 Prozent der befragten Führungskräfte an, sich wohlzufühlen, wenn KI eigenständig Dokumente zusammenfasst oder Besprechungsnotizen erstellt. Ähnlich hoch ist die Akzeptanz bei der Kalenderorganisation und Meetingplanung mit 68 Prozent sowie bei der Priorisierung von Aufgaben und der Empfehlung nächster Schritte mit 65 Prozent. Doch bereits bei administrativen Maßnahmen mit geringem Risiko sinkt die Zustimmung auf 57 Prozent, und nur noch 55 Prozent befürworten Entscheidungen innerhalb klar definierter Regeln. Deutlich kritischer wird es bei finanziellen und personellen Angelegenheiten: Lediglich 44 Prozent der Führungskräfte möchten KI bei der Genehmigung von Finanz- oder Budgetvorgängen beziehungsweise bei Personal- und Einstellungsentscheidungen eigenständig handeln lassen. Am geringsten ist das Vertrauen mit 43 Prozent bei strategischen Geschäftsentscheidungen ausgeprägt.

Vertrauen folgt der Tragweite von Entscheidungen

Die abnehmende Akzeptanz folgt einer klaren Logik, wie Dr. Yusuf Erdogan, Country Lead Digital & Technology bei Expleo Deutschland, erläutert: „Ein zusammengefasstes Protokoll lässt sich korrigieren, eine falsche Entscheidung über das Budget nicht ohne Weiteres. Führungskräfte differenzieren also weniger nach Aufgabentyp als nach den möglichen Folgen einer Fehlentscheidung.“ Diese Beobachtung ist zentral für das Verständnis der Studienergebnisse. Es geht offenbar nicht um pauschales Misstrauen gegenüber der Technologie, sondern um eine bewusste Abwägung von Risiko und Nutzen. Je größer die potenziellen Auswirkungen einer Fehlentscheidung sind, desto eher behält der Mensch das Ruder in der Hand. Dies deckt sich mit Erkenntnissen aus der Verhaltensökonomie, wonach Menschen bei hoher Unsicherheit und großen Konsequenzen tendenziell konservativer agieren.

Die Studie zeigt damit ein reiferes Bild der KI-Adoption, als es in der öffentlichen Debatte oft gezeichnet wird. Unternehmen vertrauen KI dort, wo Prozesse klar definiert und nachvollziehbar sind. Die Technologie wird nicht mehr nur als Unterstützung verstanden, sondern übernimmt zunehmend eigenständig konkrete Aufgaben. Gleichzeitig bleibt die menschliche Kontrolle bei strategischen, finanziellen oder personellen Entscheidungen dominierend. Erdogan interpretiert dies positiv: „Das ist kein Zeichen mangelnden Vertrauens in KI, sondern Ausdruck eines verantwortungsvollen Umgangs mit einer Technologie, die immer stärker in geschäftskritische Prozesse eingebunden wird.“

Zwischen Effizienzgewinn und Kontrollbedürfnis

Die Umfrageergebnisse werfen ein Schlaglicht auf einen grundlegenden Spagat, den Unternehmen derzeit bewältigen müssen. Einerseits verspricht KI erhebliche Effizienzsteigerungen, insbesondere bei repetitiven und zeitintensiven Aufgaben. Die hohe Akzeptanz bei der Zusammenfassung von Dokumenten oder der Planung von Terminen deutet darauf hin, dass Führungskräfte den Nutzen solcher Anwendungen klar erkennen. Andererseits zeigt die Zurückhaltung bei weitreichenden Entscheidungen, dass die Verantwortungsübertragung an Maschinen Grenzen hat. Diese Grenzen sind nicht technologisch bedingt, sondern resultieren aus einem bewussten Risikomanagement. Eine falsche Budgetentscheidung kann existenzbedrohende Folgen haben, eine fehlerhafte Einstellung das Betriebsklima nachhaltig stören – hier wollen Führungskräfte offenbar die Kontrolle behalten.

Interessant ist auch die Abstufung innerhalb der organisatorischen Aufgaben: Während die reine Terminplanung mit 68 Prozent Zustimmung relativ unkritisch gesehen wird, sinkt die Akzeptanz bei der Priorisierung von Aufgaben auf 65 Prozent und bei der Genehmigung administrativer Maßnahmen auf 57 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass Führungskräfte sehr genau unterscheiden, wo KI lediglich unterstützt und wo sie eigenständig handelt. Die Übertragung von Entscheidungsbefugnissen – selbst bei geringem Risiko – wird kritischer gesehen als die reine Ausführung von Tätigkeiten. Dies könnte auch mit Haftungsfragen zusammenhängen, die bei autonomen KI-Entscheidungen bislang ungeklärt sind.

Positive Grundstimmung trotz differenzierter Aufgabenverteilung

Bemerkenswert ist, dass die differenzierte Haltung gegenüber autonomer KI nicht in eine generelle KI-Skepsis umschlägt. Im Gegenteil: 69 Prozent der deutschen Führungskräfte freuen sich über die Chancen, die Künstliche Intelligenz ihrem Unternehmen eröffnet. 73 Prozent sind zudem überzeugt, dass ihre Organisation KI erfolgreich einsetzen kann. Diese positive Grundstimmung ist stabil und spiegelt sich auch im sogenannten „AI Pulse Index“ wider, der die KI-Stimmung auf gesamteuropäischer Ebene misst. Deutschland erreicht hier 65 Punkte und liegt damit knapp über dem europäischen Durchschnitt von 64 Punkten. Der europäische Wert sank im Vergleich zum Vormonat um einen Punkt, während Deutschland sein Niveau halten konnte.

Die gleichzeitige Offenheit gegenüber KI und die Zurückhaltung bei bestimmten Aufgaben interpretiert Erdogan als Zeichen von Reife: „Viele Unternehmen unterscheiden zwischen einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber KI und der Frage, bei welchen Aufgaben sie der Technologie eigenständig Verantwortung übertragen möchten. Diese Differenzierung könnte sich als der eigentliche Reifegrad-Indikator für die KI-Adoption in Unternehmen erweisen – nicht die Frage ‚KI: ja oder nein‘, sondern ‚KI: wo genau‘.“ Diese Sichtweise deckt sich mit Beobachtungen aus der Praxis, wo Unternehmen zunehmend KI-Governance-Strukturen etablieren, die festlegen, welche Entscheidungen automatisiert werden dürfen und welche nicht.

Methodik und Einordnung der Studienergebnisse

Die „Expleo AI Pulse“-Umfrage wird seit August 2025 monatlich in Deutschland, Irland, Großbritannien und Frankreich durchgeführt. Pro Land werden 200 Führungskräfte befragt, insgesamt also 800 Personen pro Monat. Die Teilnehmenden stammen aus den Branchen IT, Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Handel, Ingenieurwesen sowie Transport und Logistik. Die aktuelle Ausgabe basiert auf der zwölften Erhebungswelle mit einer Feldphase im Juli 2026. Durchgeführt wird die Studie von der Insights-Agentur Opinium im Auftrag von Expleo. Die Ergebnisse sind als repräsentativ für die befragten Branchen und Länder anzusehen, wobei die Stichprobengröße von 200 Personen pro Land eine gewisse statistische Unsicherheit mit sich bringt.

Expleo selbst ist ein weltweit tätiger Anbieter von Ingenieurs-, Technologie- und Beratungsdienstleistungen mit über 17.000 Beschäftigten in 29 Ländern und einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen begleitet führende Firmen bei ihrer Geschäftstransformation und setzt dabei unter anderem auf KI-Engineering, Digitalisierung und Hyperautomatisierung. Die Studienergebnisse sind daher auch vor dem Hintergrund der eigenen Geschäftsinteressen zu sehen, auch wenn die Umfrage selbst von einem unabhängigen Institut durchgeführt wurde.

Für Unternehmen, die vor der Frage stehen, welche Aufgaben sie an KI übertragen sollen, bieten die Ergebnisse eine Orientierung. Sie zeigen, dass es nicht darum geht, möglichst viele Prozesse zu automatisieren, sondern die richtigen Einsatzfelder zu identifizieren. KI kann einen erheblichen Beitrag zu mehr Effizienz leisten, doch gleichzeitig braucht es klare Regeln überall dort, wo Entscheidungen weitreichende Folgen haben. Die Studie legt nahe, dass Führungskräfte diese Unterscheidung bereits verinnerlicht haben – ein Zeichen dafür, dass die KI-Adoption in deutschen Unternehmen pragmatischer und reflektierter verläuft, als manche Debatte vermuten lässt. Die Zukunft gehört daher nicht der vollständigen Automatisierung, sondern einer durchdachten Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine, bei der der Mensch die Richtung vorgibt und KI die Umsetzung beschleunigt.

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